“Ich mag das Unerwartete in der Kunst” ("I like the unexpected in art")

Lea Dlugosch, Kunst-Magazin, August 2, 2012

Orte und ihre Charakteristika besitzen von jeher eine spezielle Bedeutung im Leben von Nadia Kaabi-Linke. In ihren konzeptuellen Arbeiten untersucht die Künstlerin menschliche Rückstände, Symbole und Spuren verschiedenster Lokalitäten und zeigt so in mikroskopischen Dimensionen auf neuralgische Stellen im großen System. Als Tochter eines Tunesiers und einer Ukrainerin wuchs die 33-Jährige in Tunis und Dubai auf, studierte in Paris und lebt zurzeit mit ihrem Mann in Berlin. Im Interview erklärt sie ihre Vorliebe für unvorhergesehene Probleme, ihr Interesse an Jeff Koons und warum die arabische Welt eine sexuelle Revolution nötiger hat, als alles andere.

Frau Kaabi-Linke, Ihre Arbeiten unterscheiden sich trotz inhaltlicher Ähnlichkeiten stark in ihrer Umsetzung. Ist es nicht sehr anstrengend, sich jedes Mal eine völlig neue Technik anzueignen?
Das ist keine Entscheidung meinerseits, es kommt von der Arbeit selbst. Das Material ist irgendwie auch Teil des Konzepts und umgekehrt. Wenn ich mich dazu entschließe, mit Haar zu arbeiten, weil es zum Konzept gehört, kann ich keine künstlichen Haare verwenden, es muss schon natürliches Haar sein, sonst würde ja etwas inszeniert und das ist nicht mehr dasselbe. Ich arbeite wenig mit Darstellungen und Fiktionen, auch wenn ich Dinge zusammenbringe, die eine Geschichte erzählen. Es sind immer konkrete Gegenstände die zu unserer Lebenswelt gehören und im Zeitgeschehen verankert sind. Manchmal kommen die Ideen von einem Material, wie Staub; ich fange an,damit zu arbeiten und interessiere mich dafür, wie verschiedene Schichten sich in der Zeit überlagern und daraus kann dann ein Idee entstehen. Form und Material hängen dabei immer auf eine bestimmte Weise mit den Inhalt des Werkes zusammen und oft liegt dessen Aussage oder Lesbarkeit in der Besonderheit des Materials wie eben Staub.

Sie haben also einen Moment, in dem Sie etwas realisieren und daraus entwickelt sich dann - zack - eine Idee, die sich sozusagen selbst 'materialisiert'?
Nicht direkt. Am Anfang ist es nur eine Frage: Wieso ist das so? Dann kommt die Idee, diese Frage oder einen bestimmten Sachverhalt auf bestimmte Weise in ein Kunstwerk zu integrieren: zum Beispiel mit Humor. Besonders wenn es um sozialkritische, politische Geschichten geht ist Humor ein gutes Mittel.

Nadia Kaabi-Linke, Black is the New White, Courtesy of the artist and Lawrie Shabibi Gallery, photo © Vipul Sangoi

Können Sie das an einem Beispiel beschreiben?
Die Idee zu "Black is the New White" kam mir in Dubai als ich mich fragte, warum ausgerechnet hier, in der heißesten Klimazone des Planeten, Frauen einen schwarzen Schleier tragen. Das Werk zeigt einen gut aussehenden jungen Mann, der mitten in der Wüste ein traditionelles Gewand trägt. Nichts Ungewöhnliches, ich habe nur eine kleine Veränderung vorgenommen und anstatt leichter weißer Baumwolle den dicken schwarzen Synthetikstoff der Frauen benutzt.

In Tunesien, wo ich herkomme, tragen Frauen einen weißen "Safsari", ein Gewand aus leichter Seide, dass bei starker Hitze sehr angenehm ist. Und dabei ist es in Tunesien nicht so heiß und schwül wie in den Emiraten. Die Kleidung ist dem Klima aber gut angepasst, sie schützt vor der Sonne, ist leicht und beinahe sexy. Ich stellte mir dann die Frage, warum es in den Emiraten anders ist und überlegte mir, wie es wohl vor 50 Jahren war, als es nicht überall Klimaanlagen gab. Die Männer wollten vermutlich nicht ständig mit ihren Frauen darüber streiten, ob sie ausgehen können oder zu Hause bleiben sollen, also haben sie ihnen erklärt: „Macht was ihr wollt, aber diese Kleidung ist unsere Tradition, probiert's es doch einfach aus." Klar, dass die Frauen in ihrer dicken, schwarzen Synthetik das Ausgehen bald Leid wurden.

Umgekehrt wird aber auch der Mann dadurch, dass die Frau so verhüllt wird, nur wie ein geiles und von seinen Instinkten geleitetes Tier betrachtet, das sich in Gegenwart einer Frau kaum zu beherrschen weiß. In jedem Fall werden am Ende die Frauen dafür bestraft.

Wie haben Sie diesen Gedanken in Ihrer Arbeit umgesetzt?
Ich habe mir überlegt, den Spieß einmal umzukehren. Dazu habe ich eine typische Werbefläche, einen Leuchtkasten, wie man ihn oft in der Straße sieht, gebaut. Wenn man näher kommt, sieht man, dass der Typ auf dem Foto ziemlich schwitzt. Das Bild scheint stimmig, doch es gibt viele verstörende Details.

Die Kritik darin ist subtil, wenngleich sie mit etwas sehr Oberflächlichem, der Kleidung und dem traditionellen Farbcode spielt. Was das Model trägt, gibt es nicht zu kaufen, denn in der Region tragen die Männer entweder dünne Baumwolle oder feine Seide, beides sehr leichte und angenehme Stoffe, die dem feucht heißen Klima angepasst sind. Mein Model trägt zwar auch die klassische "Kandura", der Stoff aus dem sie gemacht ist, stammt aber von der Abaya, dem traditionellen Frauengewand. Ich habe es für das Foto extra anfertigen lassen, um auf der oberflächlichen Ebene der traditionellen Mode eine Genderkritik anzustoßen. Der Schnitt ist der gleiche, nur der Stoff wurde ausgetauscht und schon sieht vieles anders aus. Dem Sinnsucher in der Wüste steht der Schweiß auf der Stirn und der Zweifel im Gesicht.

War es nicht schwierig, die Arbeit in Dubai, wo die Galerie mit dem Werk sich befindet, zu verkaufen?
Nein gar nicht. Das Werk "Black is the New White" wurde sogar von einer jungen Sammlerin aus den Emiraten gekauft. Frauen, die keinen Schleier tragen, haben sofort kapiert worum es geht. Was der arabischen Welt fehlt, ist eine sexuelle Revolution. Sie haben diesen arabischen Frühling, doch was wirklich gebraucht wird, um die Verhältnisse zu ändern, ist eine sexuelle Revolution. "Black is the New White" spricht dieses Thema direkt an, man sollte sich dabei aber vor dem Klischee der Frau als Opfer und dem Islam als Männerwirtschaft hüten. Die muslimischen Frauen können ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen und es gibt auch viele Männer, die dies unterstützen würden.

NKL, Smell, 2012, the don, Courtesy of the artist, (c) photo, Amel Benattia

Sie kritisieren bestimmte Aspekte des Islamismus auch in ihrer neuesten Arbeit „Smell", in der Sie eine Flagge mit Jasminblüten bestickt haben. Worum geht es darin?
„Smell" ist eine Arbeit gegen den Faschismus. Es geht nicht darum, den Islam zu kritisieren, sondern den Salafismus, eine extremistische Strömung, deren politischer Flügel nichts mehr mit Glauben und Mystik zu tun hat. Die Flagge, die „Smell" repräsentiert, ist das Symbol dieser Bewegung. Sie zeigt die „Shahada", das islamische Glaubensbekenntnis: "Es gibt keinen anderen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet". Dieser Spruch macht einen zum Muslim. Grundsätzlich habe ich damit kein Problem, aber zur Zeit hat dieses Bekenntnis in Weiß auf schwarzem Grund, wenig mit Religion, aber viel mit repressiver Gewalt zu tun. Bei der sogenannten "Jasminrevolution" hat die tunesische Jugend für mehr Freiheit, Menschenwürde und das Recht auf Arbeit geblutet. Religion spielte dabei keine Rolle, erst jetzt, nach den ersten freien Wahlen, geht es immer mehr um die Bedeutung der Religion in der tunesischen Gesellschaft. Ich wollte dieser "Revolution", die im Nachhinein von Islamisten gestohlen wurde, ein direktes Bild geben und meine Hoffnung, dass diese Phase bald vorübergeht, zum Ausdruck bringen. Also habe ich die 'Shehada' mit weißen Jasminblüten auf eine schwarze Flagge genäht. Am Tag der Ausstellung waren die Blüten noch ganz frisch, doch bald fingen sie zu welken an.

Wie fielen die Reaktionen darauf aus?
Das Interessante ist, dass ich das Werk am Ende der Ausstellung in die Obhut eines Salafisten übergeben habe. Er ist Wärter im Nationalmuseum von Karthago und hat sich überraschenderweise sehr für die Ausstellung und mein Werk interessiert. Er schien mir sehr aufgeschlossen. Es gibt eben verschiedene Salafisten: die Dschihadisten und die Vertreter eines sogenannten "intellektuellen Salafismus". Während die einen radikale politische Auffassungen vertreten, verstehen die anderen den Salafismus als eine Lebensweise und lehnen Gewalt ab. Sie wollen niemanden überzeugen, aber sie wollen zurück zu einer mittelalterlichen Lebensführung. Der Museumswärter war wohl so ein Typ. er sagte mir, ohne zu wissen wer ich bin, dass ihn mein Werk sehr berühre und dass er sich darum kümmern wolle. Also habe ich es ihm später geschenkt.

Wie wichtig sind Ihnen generell die Reaktionen der Betrachter Ihrer Arbeiten: Fragen Sie oft nach, wie jemand Ihr Werk findet?
Nicht so oft, besonders nicht die Leute aus der Kunstwelt. Ich bin offen und freue mich über Kritik, aber ich suche nicht danach. Viel wichtiger sind mir aber die Eindrücke von Leuten, die sonst wenig mit Kunst zu tun haben. Die Reaktion des Museumswärters hat mich sehr überrascht und mein Bild von den Salafisten relativiert. Es zeigte mir auch, wie stark die unterschiedlichen Lesarten in der Kunst sein können. Man kann ein Werk so oder komplett anders verstehen.

Stoßen Sie auch selbst manchmal auf neue Deutungen, wenn das Werk schon fertig ist?
Mit der Arbeit an einem Werk ändert sich auch die Bedeutung und wenn es dann fertig ist, führt es sein Eigenleben. Der Salafist in Tunis sagte mir, dass „Smell" ihm viel bedeute, er wolle sich nun darum kümmern. Ich fragte ihn nochmal, ob es ihm denn nichts ausmache, dass die Blumen verwelken und allmählich verschwinden würden. Er erklärte dann, ich solle mir keine Sorgen mehr machen, er werde das Werk gut pflegen und von Zeit zu Zeit neue Blüten einnähen. Ich musste es ihm einfach schenken, denn nach den jüngsten Ausschreitungen und Aggressionen seitens radikaler Salafisten gegen Kunstwerke und Künstler in Tunesien gibt es einfach nicht besseres, als einen Salafisten, der für den Rest seines Lebens dazu bereit ist, eine künstlerische Arbeit zu restaurieren. Eine wahrer Sysiphos. Und das Beste: Er tut es, um seinen Glauben zu bewahren, so wird jede Seite damit glücklich.

Ihre Arbeit ist sehr ästhetisch. Die Kritik kommt oft ziemlich hart, aber immer erst auf den zweiten Blick. Ist das ein Trick um die Leute reinzuziehen?
Früher ja, aber heute ist es etwas anders. Oft entscheide ich es gar nicht selbst, es passiert einfach. Egal ob es sich um Abdrücke, Installationen oder Objekte handelt, es geht immer um eine Kette von wichtigen Entscheidungen, die von mir getroffen werden müssen, aber welche Entscheidungen das sind, habe ich nicht in der Hand. Es ist wie eine Metaebene, eine Metasprache, ich fühle mich manchmal wie ein Medium, durch das verschiedene Dinge zusammen gebracht werden, die irgendwie miteinander funktionieren, so dass neue Aussagen und Aspekte entstehen. Was ich an der Kunst mag ist, dass man nicht alles kontrollieren kann. Natürlich kann man die eigene Absicht und seinen Anspruch durchsetzen, aber sehr oft weisen einem auch die künstlerischen und technischen Probleme den richtigen Weg. Zuerst war ich unglücklich, weil ich improvisieren musste, mittlerweile habe ich mich aber daran gewöhnt. Mit einem neuen Problem kommen auch neue Möglichkeiten. Ich mag das Unerwartete in der Kunst.

Haben Sie künstlerische Vorbilder oder Einflüsse?
Man ist sicher nie frei von Fremdeinflüssen, aber ich glaube tatsächlich, dass mein größter Einfluss das alltägliche Leben ist. Ich besuche zwar auch Ausstellungen in Galerien und Museen, aber nicht oft. Mein Hauptinteresse für die Kunst liegt eher außerhalb der Kunst. Wenn ich aber ein großartiges Werk sehe, fühle ich mich lange Zeit bereichert. Erst neulich habe ich wider meinen Erwartungen eine solche Erfahrung mit Jeff Koons in der Schirn-Halle in Frankfurt gehabt. Ich wusste gar nicht, dass er ein so penibler Maler ist. Diese formale Strenge, die man in seinen Gemälden sieht, hätte ich ihm nie zugetraut. Er ist ein sehr seriöser Künstler, aber er hat auch eine gewisse Obsession. Ich bin selten von Malerei überzeugt, die Koons Gemälde überzeugten mich aber, weil er darin auch das Medium kritisiert. Das ist sehr modern. In der Ausstellung macht alles Sinn, Spielzeuge, Porno, Liebe, Dekadenz, Klassenunterschiede, alle Elemente seines Werks passen zusammen und das ist sehr berührend, denn es hat immer auch mit ihm selbst zu tun. Auf den ersten Blick denkt man vielleicht an billige Provokation, aber es steckt noch viel mehr dahinter.

Wieder sind die verschiedenen Dimensionen das Faszinosum.
Genau, die verschiedenen Ebenen geben einer Arbeit Gewicht und das verdient Respekt. ich finde so etwas eher selten, aber wenn, dann vergesse ich es nicht so schnell. Es ist fast, wie wenn man einen interessanten Menschen trifft, man merkt, es passiert etwas und erinnert sich ein Leben lang daran.

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